„Ich bin doch keine Maschine!“ – Postfaktischer Zeitgeist im Pop

„Postfaktisch“ wurde 2016 zum Wort des Jahres gewählt. Auserkoren von der hochamtlichen Gesellschaft für Deutsche Sprache, die mit ihrer alljährlichen Wahl ihr zeigeistmäßiges Statement abgibt. Mit dieser Entscheidung immerhin traf sie den Zeitgeist voll ins Schwarze, hat sich das vergangene Jahr doch durch die Bank als Jahr des Bauchgefühls etabliert.

Ein probates Mittel, um den Zeitgeist auf den Zahn zu fühlen, war es schon immer, einen Blick in die Charts zu werfen – schließlich ist nichts entlarvender als pop-dudelige Harmlosigkeit.

Wenn man bei dieser willkürlichen Auswahl zum Beispiel Tim Bendzko einmal zuhört, wie er winselt „Ich bin doch keine Maschine“, dann möchte man ihm nur noch zurufen: „Ja, dann leg dich doch halt mal hin. Zur Not beim Psychologen.“ Denn es ist doch so, dass die Geschichte der Menschheit geradezu angetrieben wurde durch Versuche, die Fesseln eines quälenden Systems zu sprengen – Jammerarien haben sich dabei jedoch immer als die stumpfesten aller Waffen erwiesen. Das ist einfach nur: Mimimi.

Postfaktisch im Gesamtwerk

Weniger klagend, sondern mehr liebestaumelnd naiv kommt Max Giesinger daher, der während des vergangenen Fußball-Sommers bei seiner Partnersuche erstaunliche 80 Millionen potentielle Kandidaten in Erwägung zieht. Man möchte ihn zu soviel Offenheit beglückwünschen, ihm trotz seiner Mathematikschwäche („Ich war noch nie gut in Wahrscheinlicheitsrechnen“) jedoch auch raten, etwas staretegischer vorzugehen. Nicht, dass ihm im schlimmsten aller Fälle bei der profunden Suche am Ende die Zeit ausgeht. Wäre er konsequent, müsste der Song ohnehin „7 Milliarden“ heißen. Aber vielleicht leidet Herr Giesinger ja an Flugangst.

Dann bleibt noch der Gute-Laune-Lauch Mark Forster, der eigentlich in seinem Gesamtwerk postfaktisch ist. Mit seinem aufplusternden „Wir sind groß“ lieferte er den Soundtrack zu einer eher gefühlsarmen Fußball-EM, in Teilen für ein Publikum, das an chronischen Minderwertigkeitskomplexen leidet (und dabei „Wir sind so voll“ oder Ähnliches skandiert). Okay, für diese skrupellose Instrumentalisierung kann der Herr Forster nichts. Mit seinem aktuellen Radiobeitrag „Chöre“ (inhaltlich zusammengefasst: Du bist gar nicht so doof und klein, wie du denkst, du kleine Maus!) beweist er jedoch endgültig, dass er das klanggewordene Katzenbildchen ist.

Mit diesen Plüsch-Poppern in Lauerstellung startet nun ein neues Jahr, das nach all dem realitätsfremden Gefühlstaumel tatsächlich faktisch zu werden droht. Wer hilft uns dann noch weiter? Dann müssen wohl die Ärzte kommen.

P.S. Die totale Absenz von Fakten in diesem Text beweist, dass Kunst, und sei sie noch so primitiv, durch den Dünger großer Gefühle immer noch am Prächtigsten gedeiht. Aus diesem Grund wäre es verwerflich, hiergenannten Künstlern aufgrund der zitierten Werke eine politische Aussage anzudichten. Da Kunst jedoch immer ein Produkt ihres Umfeldes ist, soll hier lediglich ein zeitgeistlicher Nährboden beschrieben werden, auf dem im Schatten einer naiven Ignoranz auch unliebsames Unkraut zu wuchern droht.   
(Bild: Pixelio)

3 Kommentare zu „„Ich bin doch keine Maschine!“ – Postfaktischer Zeitgeist im Pop

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  1. Ganz Schlimmes auf die Ohren gibt`s bei Sportfreunde Stiller, Ich und Ich…..Man muss nur schnell genug den off Schalter am Radio finden….

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