Offener Brief an einen ehemaligen Studienkollegen und heutigen AFD-Funktionär

Sehr geehrter Herr Johannes „Jojo“ Huber,

wir kennen uns. Ich erinnnere mich an zahlreiche Soziologie-Seminare, die wir während unserer Zeit an der Uni Eichstätt gemeinsam besucht haben, ich denke an unzählige Fußballkicks mit der Spaßtruppe „Lokomotive Uranov“ und etliche launige Pokerabende in der „Theke“. Bei all diesen Gelegenheiten in den Jahren zwischen 2007 und 2010 habe ich Sie stets als interessanten Gesprächspartner sowie herausfordernden und ambitionierten Duellanten im Sportlichen wie im Diskursiven erlebt.

Vor dem Hintergrund unserer persönlichen Bekanntschaft war ich für einen Moment regelrecht geschockt, als ich vor ein paar Wochen auf Youtube Zeuge einer ihrer Reden als AfD-Kandidat wurde. Der Schock ist inzwischen einer großen Verwunderung gewichen, die nachhallt und mich zu diesem Brief anstiftet. In mir windet sich die Frage, wie der weltoffene, tolerante und kritische Geist der Eichstätter Uni mit den – nach meinem Dafürhalten – eindimensionalen, rückwärtsgewandten und populistischen Thesen der AfD zusammenpasst. Umso mehr macht sich in mir die Verwunderung breit, da ich Ansätze jenes Denkens bei Ihnen nie herausgehört habe.

Natürlich spreche ich dabei von einer Zeit vor PEGIDA und dem Aufkommen eines nationalen Lifestyles, auf dessen Bugwelle die AfD in rebellenhafter Pose so erfolgreich surft. Auch wenn einzelne Thesen der AfD aus meiner Sicht als Bürger durchaus diskutierbar sind (was wohl daran liegt, das ihr Programm einem Schusterwerk aus ausgewählten Positionen der etablierten Parteien gleicht), steht die AfD für ein Weltbild, das meinen Vorstellungen einer offenen Gesellschaft zutiefst widerspricht. Ihnen als Mitglied der Partei muss ich unterstellen, dass sie vielleicht nicht sämtlichen Thesen der AfD, jedoch mit Sicherheit ihrem intoleranten, rassistischen und diskriminierenden Weltbild, das Personen wie Höcke, Poggenburg und von Storch propagieren, zustimmen. Als Ausdruck dieser großen inhaltlichen Distanz erscheint es mir im Übrigen auch angebracht, Sie trotz unserer persönlichen Bekanntschaft in der Höflichkeitsansprache zu adressieren.

Nun zolle ich zunächst einmal jeder Form des politischen und gesellschaftlichen Engagements im Rahmen demokratischer Prozesse meinen höchsten Respekt, da dieses immer mit einem gewissen Maß an Selbstlosigkeit einhergeht, welches für das friedliche Funktionieren einer solidarischen Gesellschaft unabdingbar ist. Aus diesem Engagement erwächst jedoch die Verantwortung der Transparenz und Ehrlichkeit. Dies trifft im Besonderen zu, wenn um das Vertrauen von Menschen geworben wird.

Eine Partei, die unter anderem den kleinen Leuten eine Abschaffung der GEZ verspricht, um zugleich Steuererleichterungen für Vermögende und reiche Erben zu fordern, handelt unaufrichtig und verantwortungslos. Noch viel doppelmoralischer verhält sich Ihre Partei, wenn sie ihre Achtung der Menschenwürde jenseits der nationalen Grenzen kaltblütig abstreift – ganz nach dem Prinzip „Gutmensch nach innen, Soldat nach außen“. Hier wird offenkundig, dass im Hinblick auf Wählerstimmen echte Überzeugungen, sofern vorhanden, gegen berechnendes Machtkalkül eingetauscht werden. Dies, Herr Huber, muss ich auch Ihnen vorwerfen, wo Sie zum Beispiel nun im Zuge Ihres politischen Engagements ein blitzblankes Facebook-Profil pflegen, nachdem Sie die Plattform noch vor Jahren als privater Nutzer unter demonstrativer Empörung verlassen haben. Echte Haltung sieht für mich anders aus.

– Eric Placzeck, Heidelberg