Volksabstimmung an der Abendkasse

200.000 verkaufte Tickets, Schwarzmarktpreise in Höhe eines Kleinwagens, dazu ein Grammy und Pulitzer-Preis – das Broadway-Musical „Hamilton“ ist aktuell das wärmste Brötchen im New Yorker Kultur-Brotkorb. Nicht, weil die Menschen derzeit vor lauter Langeweile nichts Besseres mit sich anzufangen wissen, als ins Musical zu gehen, sondern weil die Show – so sagens die Kritiker unisono – revolutionär sei.

Es geht um die altehrwürdige, mithin weiße, amerikanische Gründungs-Geschichte, verpackt in Hip-Hop-Sounds, verkörpert durch Schwarze und Latinos. Ein unzweifelbares Zeugnis gelebter Diversität, könnte es dann dazu schön heißen. Punkt, Ende der Geschichte.

Ja nun, leider ist es mit der Vielfalt in den USA gerade nicht so einfach. Immerwährende Reibereien schlagen plötzlich wieder in Hass um, neuerdings sogar mit suggestiv formulierter politischer Legitimation von ganz oben.

Einfalt statt Vielfalt

Eines Abends nun, bei einer der ausverkauften Vorstellungen von „Hamilton“, war ein gewisser Mike Pence zu Gast, selbsternannter bibeltreuer Sittenwächter mit scharfem Auge auf flatterhafte Verhaltensabweichungen – insgesamt also eher an Einfalt als an Vielfalt interessiert. Ach so, und bald ist Mr. Pence wohl Vizepräsident der Vereinigten Staaten und damit das polit-erfahrene Rückgrat eines orangenen Wüterichs.

So saß er da, offenbar makellos schönheitsoptimiert, und musste es sich am Ende der Vorstellung anhören, wie der hispanische, homosexuelle und damit recht diverse Hauptdarsteller Lin-Manuel Miranda, coram publico das Wort an ihn richtete, mit der Bitte, zukünftig die Rechte der ethnisch und sexuell offenen Gesellschaft zu schützen. Pence verließ wohl währenddessen des Saal, den Appell mit auf den Weg nehmend.

Ein Ticket, eine Meinung

Was soll diese Anekdote nun bedeuten? Erstens, dass die amerikanische Gesellschaft immerhin schon an einem Punkt ist, an dem sie in punkto Toleranz zwar noch nicht alles gewonnen, aber doch schon sehr viel zu verlieren hat. Zweitens, dass dieses prototypische Stück für eine offene Gesellschaft, gemessen an den Ticketverkäufen, den maximalen demokratischen Erfolg hat – quasi 100% Wahlbeteiligung durch ausverkaufte Shows. Und drittens, dass damit der Erfolg von Kunst- und Kulturprodukten der Gradmesser für allgemein vorherrschende Einstellungen ist. Vor diesem Hintergrund wünscht man „Hamilton, wäre es ein Wandertheater, volle Reihen bis in den Mittleren Westen.

(ep)

Ein Kommentar zu „Volksabstimmung an der Abendkasse

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: