Hitze, Hügel, Handschuhfetzen – per Rad von Heidelberg nach Bayreuth

„Ich beneide dich“, kommentierte ein guter Freund, nachdem ich ihm, abgekämpft zurückgekehrt von vier Tagen Rad-„Tortour“, von meinen Erlebnissen im Sattel berichtete. Ob er diese Einschätzung wirklich ernst meine, entgegnete ich, halb scherzend, halb Mitleid heischend, mit Verweis auf meine schmerzenden Knie, das arg beanspruchte Sitzfleisch sowie die immer noch vor Taubheit kribbelnden Fingerspitzen. Aber klar, eine Radtour über 320 Kilometer durch Odenwald und Spessart wäre ihre Mühen nicht wert, ginge es nur um körperliches Grenzgängertum. Die intensive Erfahrung der Natur – zumeist erhebend, gelegentlich auch peinigend – sowie die Streifzüge durch entlegene Dörfer, in denen Zeit noch eine verlässliche Konstante zu sein scheint, liefern Erlebnisse, die der Alltag kaum bereit hält. Und ja, eine Prise Eskapismus gehört, vor allem in Zeiten einer erhöhten pandemiebedingten Selbstkontrolle, wohl auch zu den besonderen Qualitäten des Velo-Wanderns.

Nach vielen Jahren in Kolumbien kehrte mein alter Kumpel Stöppel vergangenes Jahr nach Deutschland zurück. Eine Radtour zwischen unseren beiden Wohnorten, Heidelberg und Bayreuth, erschien uns ein passendes Wiedersehenserlebnis.

Etappe 1: Heidelberg – Buchen Amorbach: Noch ne Extrameile

Den Startpunkt unserer Reise sollte mein Wohnort Heidelberg markieren. Diese Entscheidung fusste auf irgendwelchen organisatorischen Zwänge, die nicht unmittelbar im Zusammenhang mit der Tour standen. Hätten wir im Vorfeld einen Blick auf das Profil der Gesamtstrecke geworfen, hätte uns, als leidlich trainierte Ausdauersportler, eine Tour in Gegenrichtung vielleicht mehr zugesagt.

Doch diese schwere Erkenntnis kam uns erst zum Schluss, und sollte unseren hochmotivierten Start nicht weiter belasten. Was zur energiespendenden Euphorie auf dieser Auftaktetappe beitrug, war die satte Pracht des Neckartals, die jeden Kurbeltritt vielfacht zurückzahlte. Oder, um es mit den treffenden Worten einer Wanderin zu sagen, die uns während einer Rast passierte: „Einfach nur schön!“

Als Tagesziel hatten wir uns im Vorfeld das Odenwaldstädtchen Buchen ausgeguckt. Buchener läsen das folgende wohl ungern, aber wir wählten den Ort nur, weil er – 66 Kilometer von Heidelberg gelegen – innerhalb der geschätzten Reichweite unserer Kraftreserven lag.

Kurz vor Buchen, und kurz vor 16 Uhr Tageszeit, spürten wir jedoch, dass wir uns wohl unterschätzt hatten. Ein äußerst redseliger Landwirt, der wohl gerne den Kontakt zu Radfahrern sucht, gab uns den heißen Tipp, unsere Fahrt bis ins mittelalterliche Miltenberg am Main fortzusetzen. Der Ort sei „nur 20 Kilometer entfernt“ und außerdem gehe es bis dort „nur bergab“. Da wir zu Buchen aus o.g. Grund keine gesteigerte Leidenschaft pflegten, schwangen wir uns erfrischt und angespornt auf unsere Drahtesel in Richtung des gelobten Städtchens am Main.

Es dauerte ungefähr vier Hügel, bis unser zarter, zweiter Aufbruchsgeist des Tages langsam verflog. Als immer verhängnisvoller entpuppte sich der unscheinbare Nebensatz des netten Bauern, dass er ein „leidenschaftlicher E-Bike-Fahrer“ sei. Denn schließlich geht es für E-Bike-Fahrer dem Gefühl nach immer nur bergab. Auch bei Entfernungsangaben neigte der gute Herr zu euphemistischer Großzügigkeit. Als unsere Kräfte schwanden und die Skepsis wuchs, wagten wir einen Blick ins Google-Gehirn – um Akkuladung zu schonen vertrauten wir bis dato auf faltbares Kartenmaterial. Noch 19 Kilometer!? Obwohl wir schon sieben zurückgelegt hatten!?

Pragmatisch entschieden wir, den nächstgelegenen Ort vor Miltenberg ins Visier zu nehmen. So erreichten wir nach insgesamt gut 90 gefahrenen Kilometern Amorbach, ein beschauliches Barockstädtchen, verortet im äußersten Zipfel Bayerns. In der Schmelzpfanne, sehr zu empfehlen, füllten wir unsere Engeriespeicher mit Wildragout und Kaltgetränken wieder auf, bevor wir in einem der Gästezimmer nächtigten.

-> Komoot-Daten nur teilweise verfügbar wegen techn. Panne; Teilabschnitt 1: 28,9km, 640m hoch, 240m runter, ∅ 13,2 km/h; Teilabschnitt 2: 29,5km, 190m hoch, 490m runter, ∅ 21 km/h

Etappe 2: Amorbach – Würzburg: Es sollte heiß werden

In den Vorgesprächen zu unserer Tour ermunterte Stöppel mich immer wieder, schon „um sechs oder um sieben“ im Sattel zu sitzen, um der drohenden Sommerhitze wenigstens ein paar sportliche Stunden voraus zu sein. Diese Uhrzeiten sind mir üblicherweise fremd. Doch angekündigte Temperaturen von über 35 Grad brachten mich bereitwillig zum Einlenken. Also schwangen wir uns in Amorbach um acht Uhr auf die Räder. Nennen wir es einen Kompromiss.

Nach einer knappen Stunde erreichten wir das angepriesene Miltenbach, das seine Vorschusslorbeeren durchaus rechtfertigte. Angetreten nicht nur mit einem sportlichen, sondern auch touristischen Ehrgeiz, schlenkerten wir durch die Altstadt und probten unseren Jungshumor an einem Brunnen dreier pinkelnder ‚Männeken Piss‘. Als die Temperatur gegen zehn Uhr schon über 30 Grad kletterte, wussten wir, dass nun der ernste Teil des Tages beginnen würde.

Ausgrüstet mit allerlei Pülverchen, Riegeln, Äpfeln und Wasserflaschen kurbelten wir uns am Mainufer entlang, Tritt für Tritt. Kurzfristig angelesenes Wissen über den Hitzschlag, die ultimative Gefahr bei körperlicher Anstengung unter diesen Bedingungen, gab uns das gute Gefühl, jeder möglichen Situation irgendwie planvoll begegnen zu können. Zum Glück sollte dieses Wissen nicht ernsthaft getestet werden.

Brutal wurde es dennoch. Auf schier endlosen Steigungen zwischen golden leuchtenden Weizenfeldern brannte die Sonne in ihrem Zenit auf uns nieder, die einzigen Schatten weit und breit warfen wir selbst. Fortan hielten wir wohl alle halbe Stunde unter irgendwelchen Bäumchen an, um neben dem Trinken unsere Häupter mit Wasser zu beträufeln und unsere Trikots zu durchnässen, damit sie der Fahrtwind in eine kühlende Oberhaut verwandele. Überdies sollten nasse Lappen unter den Helmen die Rübe frisch halten. Die je 4 Liter Startvorrat an Wasser drohten auf diese Weise schon nach halber Strecke zur Neige zu gehen. So blieb uns nichts anderes, als im nächsten Dörfchen eine alte Dame aus ihrem kühlen Häuschen zu klingeln mit der Bitte, unsere Flaschen aufzufüllen. Dieser kam sie, möglicherweise etwas überrumpelt von unserer Bestimmtheit, ohne größere Diskussionen nach.

Nach rund zehn Stunden Reisezeit brausten wir schließlich über eine erfrischende Dauerabfahrt nach Würzvburg hinab. Haxn im Biergarten und Weinschorle am Mainkai führten denn Tag zu einem guten, herzerfüllenden Ende.

-> Komoot-Daten: 83,5km, 720m hoch, 710m runter, ∅ 18,3 km/h

Etappe 3: Würzburg – Bamberg: Aus den Gärten hört man die Tröten

Während wir auf den ersten beiden Etappen ausschließlich gegen die Strecke, nie aber gegen die Uhr fuhren, sollte es an diesem Tag anders sein: Für 18 Uhr war das Deutschlandspiel angekündigt, welches zumindest ich gerne ganz fußballromantisch in einem schattigen Biergarten mit einem kühlen Getränk in der Hand verfolgt hätte. Doch genauso wusste ich, dass – angesichts von zu erwartenden Temperaturen im Schmelzbereich – das Ankommen die oberste Priorität sei.

So verabschiedeten wir uns aus dem Kessel von Würzburg über einen saftigen Anstieg, der uns gleich auf Betriebtemperatur brachte. Stöppel hatte an diesem Tag keine guten Beine erwischt und blickte daher mit gemischten Gefühlen auf das wellige Streckenprofil für den Tag. Als besonderes Schmankerl zeigte sich ein acht-prozentiger Anstieg über knapp einen Kilometer, auf dessen Anhöhe uns eine Gruppe fränkischer Biker mit witzelndem Unterton eine gute Weiterfahrt wünschte. Mit über 50km/h sausten wir die folgende Abfahrt hinab und der frische Fahrtwind sollte unsere pochenden Schädel wieder etwas kühlen.

Den schönsten Stopp des Tages legten wir in einem kleinen Weindorf namens Prichsenstadt ein, das mit Kopfsteinpflaster, Fachwerkhäuschen und kleinen Winzerstuben unser Interesse regte. Um unserem touristischen Anspruch gerecht zu werden, ließen wir uns zu einer kleinen Weindegustation hinreissen, die mit zusätzlichem Gepäck in Form von zwei Fläschchen endete. Das musste schon sein.

Irgendwann legte sich der Zeiger in die letzte Kurve vor Spielanpfiff und die Stadtgrenze von Bamberg lag immer noch mehr als 10 Kilometer entfernt – zudem hatten wir noch keine Bleibe für die Nacht, was als Tagesordnungspunkt mehr Zeit als eingeplant einnehmen sollte. So erlebten wir die ersten Minuten gegen Portugal googlend auf dem Bordstein sitzend in irgendeinem Bamberger Vorort. Immerhin boten die umliegenden Garten-Arenen den netten Service, jedes Tor der Deutschen mit einem lauten Tröten zu bejubeln.

Als wir kurz vor Ende der ersten Halbzeit selbst noch keine zählbaren Treffer bei unserer Hotelsuche aufweisen konnten, rückten wir ab in einen nahe gelegenen Brauereiinnenhof, wo man uns mit köstlich Speis und Trank versorgte. Immerhin waren beide Mannschafte so nett, sich noch ein paar Tore für die zweite Hälfte auszuheben, die wir auf dem Smartphone verfolgten.

Ach ja, genächtigt haben wir schließlich im Hotel Lieb, einem ehemaligen Jadghaus mit angeschlossenem Thai-Restaurant, das seinen etwas ungelenken Charme aus der Kombination von Jagddevotionalia und Buddhafiguren zog.

-> Komoot-Daten: 76km, 630m hoch, 550m runter, ∅ 17,3 km/h

Etappe 4: Bamberg – Bayreuth: Das dicke Ende kommt zum Schluss

Gemütlich auslaufen lassen wollten wir die Tour auf der letzten Etappe, versprach die App zum ersten Mal doch eine Entfernung von unter 70 Kilometern. Daraus wurde wegen der üblichen kleinen touristischen Umwege nichts. Doch dies sollte nicht die härteste Prüfung des Tages werden. Die schlechten Beine, die Stöppel am Vortag mitschleppte, hatte nun ich übernommen. Nach den drei kräftezehrenden Etappen fühlte ich mich morgens, als ob meine Knochen auf einem Mikadohaufen lägen. Sie richtig zu sortieren beschäftigte mich bis nach dem Frühstück, das ich recht appetitlos in mich hineindrückte. Zudem hielt die letzte Etappe ein kleines aber feines Detail für uns bereit: Es galt, knapp 1000 Höhenmeter zu erklimmen. Dies setzte die etwas kürzere Gesamtdistanz bedrohlich in Relation.

Doch bevor es auf die Strecke ging, erkundeten wir per Rad die Bamberger Altstadt, die zu meiner Schande zuvor noch nie besucht hatte. Mit dem Smartphone im Anschlag machten wir uns den Touristen gleich und rollten mit vielen ‚Ohs‘ und ‚Ahs‘ über das Kopfsteinpflaster.

Das Wetter ließ an diesem Tag mit 25 Grad zum Glück ein wenig locker, streckenweise vergoss der Himmel sogar ein paar Tröpfchen. Den roten Bereich erreichten wir dennoch: Die Krönung war der zwei Kilometer lange Aufstieg auf den Eulenstein, eine Serpentinen-geführte Route, die erahnen lässt, warum die fränkische Schweiz ihren Namen trägt. Ich krallte mich an meinem Lenker fest und dachte nur von Tritt zu Tritt, um den Berg im Kampfschweinmodus zu besiegen. Im weiteren Verlauf der Strecke wartete noch ein ausgewachsenes ‚M‘ im Höhenprofil auf uns, was dicht aufeinander folgend zwei knackige Anstiege und rasante Abfahrten versprach.

Aber natürlich hat jede Strecke neben Prüfungen auch Belohnungen parat: Den Höhepunkt dieses Abschnitts markierte zweifelsohne die Aufseßquelle in Königsfeld, die frostkaltes Wasser zu Tage förderte. Das Natur-Kneipp-Becken ließen wir uns nicht entgehen, um unsere müden Beine aufzufrischen.

Das weitere Anrollen nach Bayreuth folgte einem munteren „Auf- und Ab-Spielchen“, was erklärt, warum sich gefühlt alle Radler, die uns begegneten, mit Elektro-Boost unterwegs waren. In meiner Knorrigkeit unterließ ich es fortan, entgegenkommende E-Biker durch einen Gruß sportlich anzuerkennen. Aller Quälerei zum Trotz breitete sich mit jeden Tritt, der das Endziel heranrücken ließ, ein Hochgefühl in mir aus. Den Schlussakkord setzte die Bergankunft im Waldhotel Stein, eine mondäne Hotelanlage mit ruhendem Geschäftsbetrieb, die Stöppel in Zwischennutzung bewohnt. Bei donnerdem Unwetter sank ich nicht viele Stunden später völlig ausgelaugt ins Bett. Direkt neben mir parkte mein treues Gefährt. Wohl behütet fiel ich in den Schlaf.

-> Komoot-Daten: 72km, 940m hoch, 820m runter, ∅ 14,4 km/h

Zusammengefasst

4 Tage, 13 Cornys verspeist, 20 Liter getrunken, 320 Kilometer zurückgelegt, 3.200 Höhenmeter erklommen. Sportlich und körperlich war die Tour eine Herausforderung, die mir vor allem auf der letzten Etappe meine Grenzen vor Augen geführt hat. Diese Bestandsaufnahme empfinde ich als bereichernde Selbsterfahrung. Darüber hinaus jedoch hat mir die Tour unwiederbringliche Eindrücke von Menschen, Orten und Landschaften vermittelt, die mich noch Tage danach beschäftigen sollten. Hierin liegt der wahre Wert der Reise. Nicht zuletzt ging es auch um Freundschaft, die den Untergrund bildete, auf dem wir fuhren. Hasta el próximo viaje 🙂

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