Brief an einen ungebetenen Gast

Lieber Ernst,

was bist du eigentlich für ein seltsamer Vogel? Bis Anfang des vergangenen Jahres warst du in meinem Freundes- und Familienkreis noch ein völlig Unbekannter. Doch aufdringlich wie eine Schmeißfliege hast du dich fortan in meine Wahrnehmung gedrängt.

Alles begann, als unsere oberste Krisenmeisterin Angela Merkel im März feststellte: „Es ist Ernst.“ Völlig verdattert fragte ich mich noch ‚Wer ist Ernst und was macht er?‘. Bald fiel jedoch der Groschen, wessen Kind du bist. Deine Mutter heißt Corona, und das sollte einem eigentlich schon eine Warnung sein. Du hast noch ein viel ekligeres Geschwisterlein namens ‚Hass‘. Dieses rampengeile Teufelchen will ich hier allerdings nicht weiter mit Worten bedenken.

Du also, Ernst, hast letztes Jahr kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um meine Stimmung zu versauern. In unzählige Calls mit Kollegen und Kolleginnen hast du dich eingeschlichen, obwohl dich niemand eingeladen hat. Habe ich bei einigen der wenigen Gelegenheiten Freunde getroffen, warst du immer mit am Tisch. Okay, immerhin hast du mitgetrunken, das lasse ich dir. Dann mutiertest du allerdings zum Bier-Ernst. Als solcher warst du kaum lustiger, sondern hauptsächlich schwerer verständlich, alter Lallodri (*hihi*). Die ultimative Ehre erreichtest du, als dir der Suter und der Stuckrad-Barre ein ganzes Buch gewidmet haben, „Alle sind so ernst geworden“. Muss schon geil sein, wenn man seinen grauen Schleier so großflächig über die Gemüter legen kann, oder?

Ernst, nimms mir übel oder nicht, aber Kraft meines Willens lade ich dich aus meinem Leben für 2021 wieder aus. Dein Feind ist das Lachen, gezeugt von dem Powercouple Witz und Humor, gespeist von der Leichtigkeit der Herzen. Ein paar Wochen wirst du dich wohl noch halten und dich vom staubigen Fraß des Lockdowns ernähren. Ich aber wende mich ab und werde gegen dich ankichern, -lachen, -witzeln, bis du auf Rosinenmaß zusammenschrumpelst.

Ach Ernst, jetzt schaust du so grimmig, um nicht zu sagen ‚ernst‘. Okay, hin und wieder werde ich dich hinzubitten, wenn ich ein Quäntchen deiner Qualitäten für notwendig halte. Ja, auch bei Calls mit Kollegen und Kolleginnen, und vielleicht auch in Gesprächen mit Freunden. Aber nur, wenn ich dich rufe! Leg du dich in der Zwischenzeit doch mal hin. Musst ja wahnsinnig müde sein.

Verbindlichst,

Dein Eric

(Image by Jill Heyer from Pixabay)

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