All eyes on me – gute Gaukler, böse Gaukler

„MC“, Master of Ceremony“, nennen sie sich im Hip-Hop, die Entertainer, die in der Mitte der Bühne die Blicke ihres feiernden Publikums auf sich ziehen, und die atmosphärische Verbindung zwischen der Musik und der energiegeladenen Stimmung im Saal herstellen. Einer der wunderbaren Gründe ein Konzert zu besuchen, ist die Chance, seine Ängste und Sorgen guten Gewissens an der Garderobe abgeben zu können und sich mit Anlauf auf die Flucht aus dem Alltag begeben zu können. Dazu kommt das überwältigende Erlebnis, sich mit hunderten oder tausenden Gleichgesinnten Raum und Zeit zu teilen, um mit Gesängen und Applauswirbeln dafür zu sorgen, dass das Ganze so viel mehr ist als die Summe seiner Teile. Die Energie im Saal wächst in gleichem Maße an wie sich die Individualität in der Masse auflöst.

Das Gute an Konzerten aller Art ist, dass sie irgendwann zu Ende sind. Das meint natürlich nicht das herunterkochende Gefühl, wenn das helle Scheinwerferlicht auf die blinzelnden Augen trifft. Es meint vielmehr, dass der letzte gespielte Ton gleichsam den Aufgesang für den Rückeintritt in die Realität bildet, die mit all ihrer Rauheit dafür verantwortlich ist, dass wir uns immer wieder gerne in die akustischen Fänge von Zauberern alternativer Wirklichkeiten begeben. Nicht zuletzt ist es doch eine ausgetretene Binsenweisheit, dass alles Reizvolle seinen sicheren Tod findet, wenn es zum Dauerzustand wird.

Meister der Verführung

 

[Vorsicht: ab sofort könnte der Text öde Passagen der politischen Meinungsäußerung enthalten; Parallelen zu aktuellen politischen Entwicklungen sind gewollt und nicht zufällig.]

 

Ähnliche Knöpfe wie die Meister der Unterhaltung versuchen auch politische Meister der Verführung zu drücken, indem sie realitätsfremde Szenarien des Schreckens entwerfen, um im nächsten Satz lieblich-süße Bilder einer liebeserfüllten Welt entwerfen. Blumenwiese statt Flüchtlingskrise.

Demagogen schaffen es Magier-gleich, durch schein-einfache Maßnahmen wie der Forderung nach Grenzschließungen und-erschießungen (von Storch, AfD, 2016), durch Redeverbote bzw. Sprachregelungen („Schuldkult“ vs. „Erinnerungskultur“, Höcke, AfD, 2017) oder verordnete Gleichmacherei („Deutschland den Deutschen“, Poggenburg, AfD, 2017), eine alternative Wirklichkeit zu konstruieren, die kurzfristig verführerisch klingt. Dabei vergessen sie jedoch zu erwähnen, dass diese langfristig ganz übel stinkt. Stichhaltige Belege dazu liefert jedes anerkannte Geschichtsbuch zur Genüge.

Die Geschichte lehrt eben, dass erzwungener Friede durch blinde Ignoranz auf höchst brüchigen, tönernen Füßen steht. Eine weitere Binsenweisheit besagt an dieser Stelle, dass Probleme nicht verschwinden, wenn man sie nur vor die Haustür stellt. Oder um im eingangs gewählten Bild zu bleiben: Würde man tagelang auf einem Konzert rumhüpfen, sollte man sich die Frage stellen, wer die Katze füttert und die Kinder in die Schule bringt.

Und in genau diesesm Punkt liegt der Unterschied zwischen herrlicher und verheerender Realitätsflucht: Traue niemandem, der für mehr als zwei Stunden dein Gaukler sein will.

(Bild: pixabay.com)

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