Everlast in Heidelberg – degradiert zum Vor-Act für die Fußball-Show

Eine klassische Terminkollision nennt man wohl das, was die Halle 02 in Heidelberg am vergangenen Sonntag zu managen hatte. Ursprünglich zeitgleich sollte das Konzert des amerikanischen Singer-Songwriters Everlast und das Public Viewing vom Auftaktspiel der Deutschen in der Mehrzweck-Party-Location am ehemaligen Heidelberger Güterbahnhof stattfinden. Kurzerhand entschied man sich, den Gig um eine Stunde vorzuverlegen, um dem geneigten Besucher die volle Eventdröhnung garantieren zu können. Trotz der musikalischen Kraft und Klasse der Songs hatte man als Zuschauer bisweilen das Gefühl, dass der Künstler – das Ticken der Uhr im Sinn – stets ein wenig aufs Tempo drückt, um sein Programm rechtzeitig bis zum Anpfiff durchzubekommen. Zwischentöne seiner kurzen Ansprachen lassen erahnen, dass er sich vielleicht zum Vor-Act für die Fußball-Show degradiert fühlt.

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That is what it’s like: In heimeliger Clubatmosphäre heizte Everlast seinem Publikum ein.

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Die Erwartungen an das Konzert im rundum renovierten Saal der Halle 02 waren vielfältig: zum einen kündigt sich mit Everlast ein Hip-Hop-Held der 90er an, der als Frontman der House of Pain mit „Jump around“ einen echten Party-Evergreen ablieferte, der noch heute jede Tanzmeute verlässlich zum Springen bringt. Zum anderen hatte der New Yorker mit „What it’s like“ seinen großen Durchbruch als Singer-Songwriter, als der er in den vergangenen 18 Jahren sechs Alben veröffentlicht hat.

Vielleicht ist es auch ein Spiegel der gemischten Erwartungen, dass in der vertrauten Clubatmosphäre – gerade zu Konzertbeginn – immer wieder absolut peinliche Zwischenrufe ertönen, die Everlast sichtlich nerven. An dieser Stelle muss man Partei für den Künstler ergreifen, denn nach allem, was man erkennen kann, steht dort keine Jukebox auf der Bühne, die auf Wunsch irgendwelche beliebigen Songs ausspuckt. Unbeeindruckt und konsequent zieht er seine Setlist durch, die es in ihrer Hitdichte wirklich in sich hat.

Das donnernde „Ends“, die Grammy-gekrönte Santana-Collabo „Put your lights on“ (die er in Anspielung auf die Schießerei in Orlando den Terror-Opfern widmet) und natürlich sein Klassiker „What it’s like“ zeugen von der musikalischen Energie des Herzens-Iren und lassen die Zuschauer große Momente erleben.

Natürlich hoffen die House of Pain-T-Shirt-Träger im Publikum, dass irgendwann auch oben genanntes „Jump around“ erklingen möge, zumal er den Song auch auf seinem neuesten Album „The life acoustic“ als relaxte Downbeat-Nummer eingespielt hat. Diese Hoffnung bleibt leider unerfüllt, auch nachdem er um Punkt 21 Uhr mit Worten wie „Now you can watch kicking the ball“ die Bühne verlässt, ohne für eine Zugabe zurückzukehren. Gemessen daran, dass keinerlei Fußball-Trikots im Publikum zu entdecken waren, hätte sicher der Großteil der Fans auf die ersten Spielminuten zu Gunsten einer kleinen Everlast-Nachspielzeit verzichtet. Dennoch bleibt der Eindruck von einem kraftvollen Konzert, das nicht zuletzt durch das üppige Klangbett und die gelegentlichen Soloeinlagen seines Keyboarders und seines Drummers zusätzlichen Hochglanz erfahren hat.

 

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