Chamäleon mit Haltung – die bunte Welt der deutschen Protestmusik

„Nummer-Eins-Hit nach mehr als zwanzig Jahren“ hätte die Schlagzeile lauten können. Und tatsächlich hat wohl sogar die selbsternannte „beste Band der Welt“ nicht mehr mit diesem späten Erfolg gerechnet. Im September vergangenen Jahres spülte die „Aktion Arschloch“, angeschoben von einem niedersächsischen Musiklehrer, den Ärzte-Klassiker „Schrei nach Liebe“ an die Spitze der Charts, 22 Jahre nach seiner Veröffentlichung. Leider hat die Anti-Nazi-Hymne in dieser Zeit nichts an Relevanz eingebüßt, gescheiterte Existenzen grölen ihre rassistischen Parolen wieder lauter, unter den Fahnen von PEGIDA und AFD formiert sich eine Neue Rechte in Deutschland.

countryjoe_jimmarshall_Quelle

 

 

«Angesichts der 
zahlreichen klagenden 
Gitarren-Barden 
wünscht man sich 
derzeit einfach 
weniger Herzschmerz 
und mehr Haltung.»

Anlässe für Kritik gibt es immer, doch man sollte meinen, dass sich gerade in unruhigen Zeiten wie diesen unzählige Ansatzpunkte für Protest und Gegenrede finden sollten. Es gibt zur Zeit jedoch erstaunlich wenig Haltung in der deutschen Popmusik, statt dessen dominieren hautpsächlich seichte Feel Good-Sounds die Charts. Oder wie es Udo Lindenberg im Rolling Stone-Interview kommentiert: „Viel zu wenig Attacke.“

Scheinbar braucht es altes Material – Stichwort „Aktion Arschloch“ – , um der aktuellen Situation den Spiegel der Kritik vorzuhalten. Angesichts der zahlreichen klagenden Gitarren-Barden wünscht man sich derzeit einfach weniger Herzschmerz und mehr Haltung. Protestsongs – ergo Lieder, die laut Duden soziale oder politische Verhältnisse kritisieren – sind immer auch ein Spiegel der Gegenwart. Sie spitzen Zustände, Debatten und Entwicklungen in wenigen Versen zu und konservieren sie für die Nachwelt. Dies kann mit Krawall, Gefühl oder Humor funktionieren, Hauptsache die Haltung ist unerschütterlich. Die Welt der deutschen Protestmusik ist bunt – hier ist eine kleine Auswahl seiner Facetten.

Mit Liebe

So abgespaced und schrullig Udo Lindenberg mit seiner Koderschnauze erscheinen mag, so leidenschaftlich ist er immer für die politische Message eingetreten – nach seinen Regeln. So schenkte er 1987 dem  DDR-Präsidenten Honecker eine Lederjacke und E-Gitarre mit der Botschaft, sich doch mal locker zu machen. Udo-Style eben. Poetisch umgesetzt verpackte er seinen Traum vom vereinten Deutschland in seinem Song „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“ Gitarren statt Knarren.jpg.117505_Quellevon 1973. Hier säuselt er die herzzerreissende Geschichte zweier Liebenden in Berlin, die ihre Liebe nur so lange ausleben können, bis der Tagesschein wieder abläuft. Das Ganze ist große Politik, betrachtet unter dem Brennglas.

Mit Härte

Etwas radikaler, wütender und provokativer hingegen klampfte in den 70ern und 80ern Wolf Biermann, der Prototyp des Gitarren-Protestlers. Er sang stets unbeugsam und unbequem gegen die herrschende Obrigkeit der DDR an, die sich schließlich mit seiner Ausbürgerung im Jahr 1976 revanchierte. Vielleicht am heftigsten zeigt er seine Protestattitüde im Kampflied „Soldat, Soldat“ aus 1980.  Getrieben von kräftigen Marschakkorden wettert er gegen Krieg und Militarismus und spricht Rekruten ihr Menschensein ab: „Soldaten sehn sich alle gleich, lebendig und als Leich“.

Ikone des deutschen Protestsongs ist Rio Reiser, der sich mit seiner Band Ton Steine Scherben, mal ironisch („König von Deutschland“), mal krawallig an den herrschenden Zuständen abarbeitete. Das mit knapp 500.000 Klicks auf Youtube wohl populärste Lied der Band ist der „Rauch Haus Song“ aus dem Jahr 1972, in dem die Rocker mit ihrem legendären Schlachtruf gegen die drohenden Räumung eines besetzten Hauses ansingen. Das Thema ist auch heute noch aktuell: Erst im Januar 2016 wurde ein besetztes Haus in der Rigaer Straße in Berlin von Polizisten gewaltsam gestürmt.

Mit Humorbear-1272758_1280_Quelle_Sub

Als eine der humorvollsten deutschsprachigen Bands gelten gemeinhin „Die Ärzte“ – nicht zuletzt, weil sie im anfangs genannten „Schrei nach Liebe“ Nazis augenzwinkernd eine simple Kuschelphobie attestieren (oder einfacher gesagt für die im Song korrekt betitelten „Arschlöcher“: eine Angst vorm Kuscheln bescheinigen).

 

In Sachen beißendem Humor steht Jan Delay den Berliner Jungs in nichts nach, wie er 2001 auf seiner Solo-Reggae-Platte „Searching For The Jan Soul Rebels“ beweist. Im Anarcho-Style bewegt er sich durch die vergifteten Felder von Kommerz, Perspektivlosigkeit und Rassismus und greift dabei auf seine Protestwurzeln mit den Absoluten Beginnern zurück (wer mal „K.E.I.N.E.“ hört, kann sich den Chefstyler kaum als Stadion-Entertainer vorstellen). Wenn er im Video zu „Söhne Stammheims“ trotz ernster Message im lustigen Trachtenkostüm durch die Hügel-Landschaft hüpft, zeigt er, dass man auch mit feiner Ironie eine Duftmarke setzen kann.

Weitere moderne Acts wie Wir sind Helden, Sido (teilweise!) oder K.I.Z. machen außerdem vor, das Gegen-Musik nicht immer poltern und krachen muss. Sie kann auch chartstauglich sein, um anzuecken.

Dieser Text wurde inspiriert durch die Doppel-CD „Protestsongs.de“, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische  Bildung. Einfach auf der bpb-Seite hier zu bestellen. 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle kostenlos eine Website oder ein Blog auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: